Montag, 4. März 2013

Sonnentanz.

"Wenn morgen die Sonne scheint, kann alles so schlimm nicht sein"

[Jupiter Jones]


Die Sonne scheint. Den ganzen Tag.
Der Himmel strahlt in blau. So weit ich blicken kann.
Die Vögel zwitschern. Ihr Lied begleitet mich schon beim Aufstehen morgens. Und bringt mich durch den Tag.
Jede Schulstunde ist beim Blick aus dem Fenster nur halb so schlimm. Und auch den Lehrern, die ich eigentlich gar nicht leiden kann, höre ich heute gerne zu. Mitschüler, die sich normalerweise keines Blickes würdigen, lachen heute zusammen. Und auch wer einsam den Tag verbringt, fühlt sich überall zuhause heut.
Überall ist Leben. Und überall sieht man, wie jemand Neues angesteckt wird. Mit Leben infiziert; Lächeln eingeimpft.
Es ist, als würde jeder dem Nachbarn näherkommen. Jeder den Nächsten verstehen. Und als würde jeder dasselbe Ziel, dieselbe Hoffnung in sich tragen.
Sehnsucht nach Sonne. Und die Hoffnung, dass der Frühling bleibt.
Bis zum nächsten Nebel und zum nächsten kalten Regen sind wir alle vereint.


"Heut schlafen wir selig ein, weil morgen die Sonne scheint."

[Jupiter Jones]

Freitag, 1. März 2013

Die Weisheit des Teetrinkens.

Er öffnet langsam die Augen, reckt die Arme in die Höhe und streckt seine Nase dorthin, wo ein wenig Licht durch den kleinen Spalt des Rollos fällt. Sonnenlicht, morgens schon. Der Frühling kommt tatsächlich.
Lächelnd dreht er sich auf die Seite und schließt die Augen ein weiteres Mal. Allerdings nur dazu, um sie eine Sekunde später sofort geschockt wieder aufzureißen. Der unterbewusste Blick auf die digitale Anzeiger des Weckers veranlasst ihn dazu, denn von seinem Nachttisch aus leuchtet ihm bedrohlich 7:22 in roten Ziffern entgegen.
„Scheiß Teil!“, ruft er laut und weckt sich damit selber gänzlich auf. „Was klingelst du denn nie?!“ Als grausame Antwort springt die Anzeige auf 7:23 um.
Er wirft die Bettdecke beiseite, läuft zum Schrank, stößt sich auf halbem Weg den großen Zeh und springt dann auf einem Bein weiter. Mit ein paar der obersten Kleidungsstücke auf dem Arm hüpft er ins Badezimmer und spritzt sich Wasser ins Gesicht. Das frische T-Shirt halb über den Kopf gezogen, hinkt er daraufhin eilig ins Wohnzimmer, um den eingehenden Anruf denkbar knapp zu verpassen.
„Arschlöcher!“, brüllt er in den toten Hörer und knallt ihn auf den Tisch.
In T-Shirt und Boxershorts gekleidet, öffnet er die Tür zur Küche und seine Katze springt ihn mit scharfen Krallen an.
„Miau!“, ruft sie und wirft ihm damit deutlich hörbar vor, über Nacht eingesperrt gewesen zu sein. Was er davon hat, sieht er im nächsten Moment. Der Boden der Küche ist mit Essensresten und Fetzen von Papiertüchern übersät, die birkenfarbenen Schränke sind zerkratzt.
„Du Mistvieh!“, ruft er aus, während ihm kurz nach dem Aufsetzen des nackten Fußes die kleine Pfütze auf dem Boden auffällt. „Du verdammtes Miestvieh!“
„Miau!“, antwortet seine Katze, ganz ohne Reue in der dünnen Stimme.
Er geht leicht humpelnd zur Spüle und versucht sich so zu verrenken, dass er den verletzten und nun auch benässten Fuß unter das laufende Wasser halten kann. Es spritzt auf den Boden, gegen die Wände und auf sein frisches T-Shirt, allerdings nicht auf die richtige Stelle, sodass er nach einigen Versuchen genervt aufgibt und das Wasser stattdessen in den Wasserkocher füllt.
„Wenigstens gibt es noch Tee“, sagt er, während er das Regal öffnet und ihm die unterschiedlichsten Teesorten auf den Kopf fallen.
Er schließt die Augen und schüttelt den Kopf, hebt einen Beutel auf und hängt ihn in seine Tasse, die zwar nicht abgewaschen ist, aber sauber aussieht.
Mit lautem Brodeln kündigt das Wasser an, nun heiß genug zu sein, daher hebt er den Wasserkocher an und schüttet sich etwas auf den Teebeutel und aus Versehen auch auf seine Hand.
„Au, scheiße!“, brüllt er und schafft es gerade noch, die Tasse festzuhalten. Er schleppt sich mit ihr zum kleinen Küchentisch und lauscht der Musik aus dem Radio, das wohl seit dem Vortag durchgehend läuft.
Lasst uns lernen, uns mehr zu freuen“, liest er auf dem kleinen Zettel seines Yogi-Tees.
„Ach, leckt mich doch!“, denkt er sich, bleibt jedoch ruhig. Er legt seinen Kopf auf den Tisch und versucht, die Stille zu genießen, die nur dadurch gestört wird, dass seine Katze scheinbar gerade das Badezimmer ausräumt und der Radiomoderator Telefonstreiche ausprobiert.


Zögernd hebt er den Kopf wieder. Er lässt seinen Blick durch den kahlen Raum schweifen. Die nackten Wände, das kleine Bett, die Gitterstreben vor dem Fenster.
Seufzend erhebt er sich von dem kleinen Stuhl, schleicht zur Wand gegenüber, ritzt einen weiteren Strich für einen weiteren Tag in der JVA ein. Und als er sich aufs Bett fallen lässt, kann er die Tränen nicht zurückhalten.
Auf dem Tisch steht kalter Tee, ein Schild hängt aus der Tasse.
Mach deine Gedanken nicht zu deinem Gefängnis

Dienstag, 26. Februar 2013

Und immer wieder.

Und immer wieder. Denke ich in einzelnen Worten. Und nicht zusammenhängenden Sätzen. Kann nicht formulieren, was ich sagen will. Weiß nicht, was in mir ist.
Und immer wieder. Klingt jedes Wort falsch. Und jeder Satz unpassend. Nichts ist richtig, auch wenn es keine Fehler gibt. Die Auswahl ist so groß. An Vokabeln, an Satzbausteinen, an Ideen. Und doch geht nicht zusammen, was zusammengehört.
Und immer wieder. Schweben mir Halbsätze im Kopf. Die keinen Sinn ergeben. Die ich nicht zuordnen kann. Die einfach da sind. Ich kann ihre Bedeutung nicht sehen, obwohl sie vielleicht wichtig ist. Bin auf der Suche danach, obwohl es keinen Ort gibt, an dem ich sie finden könnte.
Und immer wieder. Wimmelt es in meinem Kopf von Buchstaben. Sie mischen sich durch, formen immer neue Wörter. Viel zu schnell, sodass ich kaum eins festhalten kann. Weder auf Papier noch in meinem Gedächtnis.
Und immer wieder. Reihe ich die Sätze aneinander. Und finde mich darin wieder. Weil ich es bin.
Und immer wieder. Unterbewusst.

Und immer wieder merke ich, wie viel ich aus nur drei Worten ziehen kann. Wie viel in dem steckt, was mein Geist entwickelt.

Montag, 25. Februar 2013

Auf der Suche nach dem Ziel.

Ich höre Musik und versuche, in mir zu versinken. Versuche, mich wegzudenken, alles andere abzuschalten. All die Menschen. Neben mir, gegenüber und hinter mir. Unterwegs - sind sie alle. Reisende. Auf dem Weg.
Ob sie sich wohl freuen auf das, was sie erwartet? Ob sie endlich nach Hause dürfen? Oder dem hinterhertrauern, was sie mit jeder Sekunde weiter hinter sich lassen. Ob sie zurück müssen in alte, enge Orte? Oder Angst haben vor neuem, unbekannten Gebiet.
Ob für sie fremd ist, was ich Heimat nenne? Ob ihre Reise beginnt, wenn meine dabei ist, zu enden? Ob sie Freudentränen weinen, wenn meine vor Sehnsucht rollen? Ob sie erwartet werden; am Gleis jemand steht, der die Arme um sie legt? Der jetzt in der Kälte friert und aufgeregt den Zug ersehnt.
Die Schaffnerin kündigt den nächsten Halt an, der mit wenigen Minuten Verspätung erreicht wird. Menschen stehen auf, greifen nach ihren Taschen, verstauen Bücher und Getränke in Koffern, zwängen sich in dicke Wintermäntel. Ein weiterer Bahnhof, ein weiterer Ort, der Heimat ist, und weitere Menschen, die angekommen sind. Ich blicke nach draußen in geschäftigen Trubel, freudigen Jubel, Abschiedsküsse und Willkommensgrüße, schnelle Schritte, suchende Blicke.
Und dann reisen wir weiter, verlassen das Gleis und verlassen die Stadt. Die Lichter des Bahnhofs verblassen, die monotone Dunkelheit gewinnt wieder die Überhand. Alle, was ich erkenne, ist die Spiegelung des Abteils, in dem ich sitze. Die Mitreisenden, die mir fremd sind, obwohl sie vielleicht dasselbe fühlen wie ich, die Koffer und Taschen, die mit Leben der anderen gefüllt sind, Bücher, Handys und Laptops als einzige Begleiter. Und mein trauriger Blick, wie er in der Scheibe erscheint, während ich in mir versinke und mir vorstelle, rückwärts zu fahren. Zu dir zurück.
Und zwischen Linkin Park und Liebeslied verfluche ich die Kilometer. Und bin doch froh, ein Ziel zu haben.

Freitag, 15. Februar 2013

Ende des Weges.

Ich möchte eine Liste haben. Eine Liste mit all den Personen, die mich im Leben ein Stück begleitet haben. Die mir etwas gegeben haben, die mir etwas gezeigt haben, die mir Mut gemacht haben. Diejenigen, an die ich mich heute noch erinnere. Obwohl sie vielleicht schon lange nicht mehr da sind.

Was habe ich von ihnen? Wie oft denke ich an sie? Und vor allem, warum besteht unsere Freundschaft, unsere Bekanntschaft, unser gemeinsamer Wegabschnitt nicht mehr? 

Mir fallen so viele Leute ein.
Verwandte, die gestorben sind.
Freunde aus der Grundschule, dich ich früher täglich gesehen habe. Und von denen ich heute nicht mal mehr weiß, ob sie noch leben.
Internet-Bekanntschaften, die plötzlich nicht mehr on kamen und auf keine Nachrichten mehr antworteten.
Ehemalige Freunde, denen ich immer mal wieder begegne. Bei denen ich mir aber nicht mehr sicher bin, ob sie mich noch erkennen.

Einigen trauere ich hinterher. Frage mich, was aus ihnen wohl geworden ist. Wüsste es gerne. 
Bei anderen akzeptiere ich das Ende des gemeinsamen Weges widerstandslos. 
Von manchen habe ich mich verabschiedet, andere verschwanden plötzlich. An einige denke ich täglich, andere tauchen nur selten in Erinnerungen auf. 

Und ich frage mich, welche meiner jetzigen Freunde sich wohl während all dieser Gedanken langsam von mir entfernen. Wer wohl morgen nicht mehr da sein wird? Welches Gespräch, das ich führe, wohl ein letztes sein wird.

Und dann kehren meine Gedanken zu den Vergangenen zurück. Zu all denjenigen, an die ich mich heute nicht mehr erinnere. Die sich schon so weit entfernt haben, dass sie gelöscht sind - unwiderruflich.
Bei wem ich mich wohl noch in Erinnerung befinde?

Montag, 11. Februar 2013

Neben der Vergangenheit.

Was geschehen ist, ist geschehen.
Was getan wurde, ist getan.
Was gelebt wurde, ist gelebt.

Und damit schließe ich ab. Ich beende es in mir. Beende die Gedanken darüber. Beende die Gespräche darüber. Beende alle Inhalte.
Und ich schaue nach vorn. Denke an nichts, woran ich nicht denken will. Blende alle Einwände aus. Und freue mich.
Ich laufe in die Zukunft - im Sprint und Dauerlauf. Ich renne mit dem Blick in weite Fernen.
Bis ich plötzlich etwas fühle hinter mir. Einen Stich, etwas Großes. Und in mir wird es kalt. Meine Haare stellen sich auf, ich beginne zu zittern. Meine Schritte werden langsamer. Der Puls beschleunigt sich.
Langsam, ganz langsam drehe ich meinen Kopf. Blicke hinter mich. Blicke in das Monster der Vergangenheit, was mich eingeholt hat - locker. Ich bin völlig außer Atem, am Ende meiner Kräfte. Das Monster hebt seine Hand zum Gruß.
Ich erkenne vieles wieder, was unter den dunklen Schleiern haust. Personen, die mich immer wieder auf das hinweisen, was ich abgehakt habe. Ehemalige Freunde, die sich in die Gegenwart drängen. Briefe, Fotos, Eintrittskarten, die in Ritzen und dunklen Ecken auftauchen. Und ich. Wie ich war und wie ich bin; wie ich mich entwickelt habe und was alles noch in mir steckt. Und sich nicht einfach streichen lässt.

So erwidere ich den Gruß des Monsters, verringere meine Geschwindigkeit und lasse es neben mir laufen. Ich blicke es an und sehe mich. Lächle mich an und nicke meiner Vergangenheit zu, die mich auf meinem Weg in die Zukunft begleitet.

Was geschehen ist, hilft mir, mich zu entscheiden.
Was getan wurde, gibt mir Erfahrung und Mut.
Was gelebt wurde, bin ich.

Donnerstag, 7. Februar 2013

Die Uhr.

Ich sitze im Wartezimmer und schaue auf die Uhr. Betrachte, wie die Zeit vergeht. Wie die Zeiger unentwegt weiter ticken.
Und denke daran, wie ich hier sitze. Mich nicht vom Fleck rühre. Und so viel anderes tun könnte.
Wie ich nur warte. Auf die Ärztin, die es nie schafft, ihre Termine einzuhalten. Auf ihre Gutachten. Ihre Meinung über mich. Ihre Entscheidung für mich. Auf mein Leben.
Und immer noch sitze ich hier. Die Uhr fest im Blick. Die Unsinnigkeit fest im Blick. Unsinnig, wie die Zeit immer weiter geht. Egal ob ich laufe oder stehenbleibe. Ob ich mich freue oder einsam bin. Ob ich lebe oder sterbe. Unsinnig, wie ich hier sitze. Anstatt zu leben.
Egal ob meine Ärztin noch kommt oder nicht. Was sie mir sagen wird. Und was nicht. Ich warte immer noch. Und ich habe noch Zeit. Zeit zu gehen und ihr nicht zuzuhören. Zeit mich aus dem Staub zu machen und spurlos zu verschwinden. Zeit zu leben.
Aber ich nutze sie nicht. Ich bleibe sitzen. Schaue weiter auf die Uhr. Warte weiter auf Wunder. Lebe weiter. Wartend.

"So, kommen Sie bitte!"
Beim Aufstehen werfe ich einen letzten Blick auf das Ziffernblatt. Und merke, dass die Uhr schon die ganze Zeit stehengeblieben war.